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Die Schwimmerin

Roman aus der Gegenwart

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783949441004
Sprache: Deutsch
Umfang: 360 S.
Format (T/L/B): 2.2 x 20.5 x 13 cm
Einband: kartoniertes Buch

Beschreibung

Der Berliner Journalist Theodor Wolff (1868-1943) schrieb auch Sachbu¨cher, Theaterstu¨cke und Romane. Sein letztes Werk war 'Die Schwimmerin' und erschien 1937 bei Oprecht in Zu¨rich - Wolff lebte da schon drei Jahre im su¨dfranzösischen Exil. Der 'Roman aus der Gegenwart', so der Untertitel, erzählt die Geschichte der Liebe eines älteren Mannes zu einer jungen Frau vor der Folie der politischen und wirtschaftlichen Erschu¨tterungen der Epoche. Der Mann ist Bankier, Hedonist und 'Mann ohne Eigenschaften' (nicht umsonst heißt er Ulrich), der sich aus allem raushält - also das Gegenteil Wolffs. Sie, Gerda Rohr, ist politisch aktiv, brennt fu¨r die linksrevolutionären Bewegungen und hält seine Passivität nicht aus. Man kann in ihr Wolffs ehemalige Sekretärin, Ilse Stöbe (1911-1942), erkennen, eine Widerstandskämpferin und sowjetische Spionin, die von den Nazis hingerichtet wurde. Der Roman ist alles andere als ein Thesenstu¨ck, gar eine Sammlung von Leitartikeln: Er ist voller Schwung, ungewöhnlichen Formulierungen und atmosphärisch eine fulminante und genaue Schilderung dessen, was wir aus 'Babylon Berlin' kennen - oder zu kennen glauben. Wolffs Roman ist vieles zugleich: Liebesgeschichte, Sozialgeschichte, Porträt Berlins - man kann anhand der geschilderten Topographie die Wege der Protagonisten abgehen -, ein wehmu¨tiger Nachruf auf die Weimarer Republik, Vorahnung des bevorstehenden Untergangs, Beschreibung des Lebens im Exil. Und das alles in einer Sprache, die mittels u¨berraschender Bilder erzählt.

Autorenportrait

Theodor Wolff war von 1906 bis 1933 Chefredakteur des 'Berliner Tageblatts' und damit der einflußreichste Journalist der Weimarer Republik. Noch heute erinnert der Theodor-Wolff-Preis, der wichtigste deutsche Journalistenpreis, an ihn. Und im Theodor-Wolff-Park in Berlin ist die letzte Zeile seines letzten Artikels zitiert: 'Geht hin und wählt!' Wolff emigrierte mit seiner Familie nach Su¨dfrankreich, wurde aber im Mai 1943 in Nizza von italienischen Besatzungssoldaten verhaftet und nach Deutschland ausgeliefert. Im KZ Sachsenhausen zog er sich eine Krankheit zu, an der er am 20. November 1943 im Ju¨dischen Krankenhaus, Berlin, starb. Ilse Stöbe wurde im September 1942 verhaftet und am 22. Dezember in Plötzensee hingerichtet. An sie erinnert eine Gedenktafel vor dem Haus Frankfurter Allee 233 in Berlin. Ute Kröger studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte. Sie lebt und arbeitet als Lite raturwissenschaftlerin und Lektorin in Zu¨rich. Publikationen zu Kultur-, Theater- und Literaturgeschichte der deutschsprachigen Schweiz und ihren Institutionen.

Leseprobe

Die Menschen, die aus ihrer Arbeitsstätte vertrieben waren, irrten herum, auf der immer vergeblichen Suche nach anderem Verdienst. Man schickte sie u¨berall mit einem Achselzucken fort, oder sie konnten schon draußen, auf einem Plakat, das an den geschlossenen Tu¨ren klebte, die Mitteilung lesen, Arbeiter wu¨rden hier nicht eingestellt. An jedem Morgen verließen sie ihre Frau und die Kinder, deren Gesichter immer schmaler wurden, und gingen zu einem Amtsgebäude, in dem sich ein 'Arbeitsnachweis' befand. In den Zimmern und Gängen des Hauses saßen, standen und lagerten schon viele Hundert, die meisten hatten nichts im Magen, einige zerkauten noch ein Stu¨ck Brot, alle warteten stundenlang in der muffigen, von schlechten Geru¨chen verdickten Luft, obgleich es klar war, daß man auch hier keine Arbeit fand. Wo sollten sie hin? Wenn sie dann wieder, ziellos und hoffnungslos, durch die Straßen trotteten, hätten sie - aber sie waren zu mu¨de und zu stumpf und was gingen die anderen sie an? - sehen können, wie die ganze Stadt allmählich verelendete und wie die Not, nachdem sie die Massen unten gewu¨rgt, ihnen das Blut ausgesogen hatte, jetzt nach oben, zu den Etagen der Wohlhabenden kroch. In fast jedem Haus waren die besseren Wohnungen leer, alles war zu vermieten, die Besitzenden, die ihren Besitz verloren hatten, waren ausgezogen, hatten jetzt statt der zwölf Zimmer nur noch drei. Die Möbel, die Lichtkronen, Spiegel, Bilder und Bronzen wurden in der Versteigerung fu¨r einen Spottpreis verkauft. In den Sälen, Hallen und Höfen der Universitäten verlegten sich sehr viele Studenten, statt auf ein ruhiges Studieren, das bei der Überfu¨llung aller Berufe doch keine Fru¨chte tragen wu¨rde, auf ein erbittertes Debattieren, das infolge der allgemeinen Nervenu¨berreizung sehr oft in Pru¨gelszenen u¨berging. Hier kam zu dem Hunger nach Brot und Anstellung der Wunsch nach neuen Idealen, oder doch nach neuen Parolen und Symbolen, nach praktischen Zielen des Hasses, allgemein verständlichen, handfesten, dreinschlagenden Kampflosungen, hinter denen man etwas sah und mit denen sich etwas anfangen ließ. Studenten und auch viele jugendliche Arbeitslose, die anfangs vom Sozialismus die Beendigung ihrer Leiden erhofft hatten, fluteten jetzt dem gegnerischen Lager zu. Gleichzeitig stieg von Monat zu Monat die Zahl der Selbstmörder, wobei es wenig Unterschied machte, daß die einen noch einen Revolver besessen hatten, während die anderen sich damit begnu¨gen mußten, den Gashahn aufzudrehen.