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Wilde Palmen

Die ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher, 12 wiederentdeckte Meisterwerke großer Erzähler

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783945386163
Sprache: Deutsch
Umfang: 202 S.
Format (T/L/B): 2 x 22 x 14.8 cm
Einband: Halbleinen

Beschreibung

Ein ergreifendes und erschütterndes Liebesdrama des amerikanischen Literatur-Nobelpreisträgers. Eines von 12 bisher vergriffenen Meisterwerken aus der ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher.

Autorenportrait

William Cuthbert Faulkner (geb. 25. September 1897 in New Albany, Union County, Mississippi; gest. 6. Juli 1962 in Byhalia, Mississippi; eigentlich William Cuthbert Falkner) war ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er erhielt 1950 nachträglich für 1949 den Nobelpreis für Literatur. Faulkner gilt als bedeutendster US-amerikanischer Romancier des 20. Jahrhunderts.

Leseprobe

Bibliothek der verschwundenen Bücher William Faulkner Wilde Palmen Roman Deutsch von Helmut M. Braem und Elisabeth Kaiser Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG Impressum Erstes Kapitel Abermals hallte das Klopfen, abwartend und entschieden zugleich, während der Doktor die Treppe hinunterging und der Lichtkegel seiner Taschenlampe sich durch das braungebeizte Treppenhaus in den braungebeizten, genuteten Kasten des unteren Flurs bohrte. Es war, trotz seinen zwei Stockwerken, nicht mehr als ein Sommerhaus am Strand, erleuchtet von Petroleumlampen - vielmehr einer Petroleumlampe, die seine Frau nach dem Abendbrot mit hinauf genommen hatte. Und der Doktor trug auch nur ein Nachthemd, keinen Schlafanzug - aus demselben Grund, aus dem er Pfeife rauchte, woran er nie Vergnügen gefunden hatte und auch bestimmt nie finden würde, Pfeife rauchte zwischen den gelegentlichen Zigarren, die er unter der Woche von den Patienten bekam, und den drei Zigarren am Sonntag, von denen er fand, dass er sie sich leisten könne, wenn ihm auch dieses Sommerhaus ebenso gut gehörte wie das daneben und das andere, das Wohnhaus mit elektrischem Licht und gemauerten Wänden in der vier Meilen entfernten Kleinstadt. Denn er war jetzt achtundvierzig und war sechzehn und achtzehn und zwanzig gewesen zu jener Zeit, als sein Vater ihm sagen (und er ihm glauben) konnte, dass Zigaretten und Schlafanzüge etwas für Gecken und Weiber seien. Es war kurz nach Mitternacht. Das konnte er sofort sagen, auch ohne den Wind - auch ohne den Wind, sogar hier, hinter den geschlossenen und verriegelten Türen und Fensterläden, zu schmecken und zu riechen und zu spüren. Denn er war hier an der Küste geboren, wenn auch nicht in diesem Haus, sondern in dem andern, dem Wohnhaus in der Stadt, und hatte sein ganzes Leben hier gewohnt, einschließlich der vier Jahre an der medizinischen Fakultät der Staatlichen Universität und den zwei Jahren als Assistent in der Klinik von New Orleans, wo er sich (ein schon in jungen Jahren dicklicher Mann, mit dicken weichen Frauenhänden, der überhaupt nie hätte Arzt werden dürfen und der selbst nach sechs mehr oder weniger großstädtischen Jahren mit dem Erstaunen eines einzelgängerischen Provinzlers auf seine Klassenkameraden und Freunde blickte: diese mageren jungen Männer, die mit ihren weißen Kitteln groß taten, Drellkitteln, auf denen sie - wie ihm schien - mit brutaler, dreister Prahlerei die ungezählten, namenlosen Gesichter der Lernschwestern trugen gleich Orden, gleich blumigen Trophäen) voll Heimweh zurückgesehnt hatte. So promovierte er, näher am Schwanz als am Kopf der Klasse, wenn auch an keinem von beiden, kehrte heim und heiratete noch im selben Jahr die Frau, die ihm sein Vater ausgesucht, und nach vier Jahren gehörte ihm das Haus, das sein Vater gebaut, und er übernahm die Praxis, die sein Vater gegründet hatte, und verlor nichts davon und gewann nichts dazu, und nach zehn Jahren gehörte ihm nicht nur das Haus am Strand, in dem er und seine Frau ihre kinderlosen Sommer verbrachten, sondern auch das anstoßende Grundstück, das er an Sommergäste oder sogar an ganze Gesellschaften vermietete - an Ausflügler oder Angler. Am Hochzeitsabend fuhren er und seine Frau nach New Orleans und verbrachten dort zwei Tage in einem Hotelzimmer, ohne doch Flitterwochen zu machen. Und obwohl sie nun schon dreiundzwan- zig Jahre im selben Bett schliefen, hatten sie noch immer keine Kinder. Aber auch ohne den Wind konnte er sofort die annähernde Zeit nach dem muffigen Geruch des Gumbogemüses angeben, das jetzt kalt in dem großen, irdenen Topf auf dem kalten Herd jenseits der dünnen Küchenwand stand - der große Topf, in dem seine Frau am Morgen das Gemüse gekocht hatte, um etwas davon ihren Nachbarn und Mietern im Nebenhaus hinüberzuschicken: dem Mann und der Frau, die vor vier Tagen das Häuschen gemietet hatten und die wahrscheinlich nicht einmal wussten, dass die Spender des Gumbos nicht nur Nachbarn, sondern auch die Hauswirte waren -