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Das Buch von Blanche und Marie

Roman

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783446205697
Sprache: Deutsch
Umfang: 236 S.
Format (T/L/B): 2.3 x 20.7 x 13.3 cm
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

Blanche Wittman ist die Lieblingspatientin des Nervenarztes Charcot an der Pariser Salpétrière. Als er auf geheimnisvolle Weise stirbt, wird sie die Assistentin von Marie Curie. Noch ahnt niemand etwas von den Gefahren der radioaktiven Strahlung. Als Blanche erkrankt, lebt sie ganz bei Marie Curie und beginnt ein Buch über die Liebe zu schreiben, ein Buch, in dem sie von Marie Curies Affären erzählt, von ihrer eigenen Liebe zu Charcot und dem Geheimnis um seinen Tod. "Die Liebe kann man nicht erklären. Aber wer wären wir, wenn wir es nicht versuchten?"

Autorenportrait

Per Olov Enquist, 1934 in einem Dorf im Norden Schwedens geboren, lebte in Stockholm und starb am 25. April 2020 in Vaxholm. Nach dem Studium arbeitete er als Theater- und Literaturkritiker. Er zählt heute zu den bedeutendsten Autoren Schwedens. Bei Hanser erschienen unter anderem Der Besuch des Leibarztes (Roman, 2001), Der fünfte Winter des Magnetiseurs (Roman, 2002), Hamsun (Eine Filmerzählung, 2004), Das Buch von Blanche und Marie (Roman, 2005), Kapitän Nemos Bibliothek (Neuausgabe, 2006), seine Autobiographie Ein anderes Leben (2009), für die er den renommiertesten schwedischen Literaturpreis, den August-Preis, erhielt, Die Ausgelieferten (Neuausgabe, 2011) sowie Das Buch der Gleichnisse (Roman, 2013). 2003 erschien sein erstes Kinderbuch Großvater und die Wölfe; 2011 folgte Großvater und die Schmuggler. 2017 erschienen diese beiden erfolgreichen Einzeltitel als Sammelband Abenteuer mit Großvater.

Leseprobe

Ich schreibe dies als Antwort auf die Frage, wann ich meine Mutter das letzte Mal sah. Es war am 26. Juli 1876 um vier Uhr am Nachmittag. Sie verschwand hinab in die Umarmung des Flusses, als würde sie verschlungen von der Liebe des Flusses. Und erinnere ich mich, daß ich da, von einer großen Feierlichkeit ergriffen, wünschte, einmal, um meiner Mutter willen, die die Liebe nie erleben durfte, die endgültige Erzählung über die Liebe schreiben zu können, über die an der Oberfläche wirkliche, aber auch über die Phantomliebe. Die allein den Verstümmelten vorbehalten war, den zu einem Torso Reduzierten, denen, deren Aufgabe deshalb um so größer sein muß, nämlich die des Erinnerns und Gedenkens. In dem Augenblick, als sie verschwand (und darin liegt die Antwort auf meine Frage), war die begonnene Erzählung da. Die den süßen Gestank von Tod enthält. Die Wut auf die Lebenden. Die Verlockung der Lust, die ihr ihr ganzes Leben lang verwehrt war, und von der ich so sehr wünsche, sie hätte sie erleben dürfen. Ach! ich schreibe dies in Verzweiflung und Sorge, oh, wie ich wünsche, sie hätte dies, das ihr verwehrt wurde, erleben dürfen. Aber jetzt nur Trauer angesichts der Liebe, die sie nie erleben durfte. Die dies schrieb, hieß Blanche Wittman. Sie war eine schöne Frau mit weichem, fast kindlich unschuldsvollem Gesicht, einer Andeutung von Wangengrübchen, anscheinend dunklem und ziemlich langem Haar, das ist alles, was man auf dem Gemälde, das existiert, erkennen kann, und auf der einzigen Fotografie. Sie hat Ähnlichkeit mit jemandem. Die Geschichte ist kurz zusammengefaßt folgende. Sie kam als Achtzehnjährige ins Salpetriere-Krankenhaus in Paris und wurde mit nervösen oder, wie man später feststellte, hysterischen Symptomen als Patientin aufgenommen. Sie war früher anders behandelt worden, also staccato!, doch nun wurde sie vom Schloß umarmt. Ihre Melancholie äußerte sich in somnambulen Krämpfen, die sich jedoch nach einer Stunde lösten; man stellte schnell fest, daß es sich nicht um einen Typ von Epilepsie handelte, sondern eben um Hysterie. Der Chef des Krankenhauses, ein Professor Charcot - später berühmt als der erste, der verschiedene Formen von Sklerose, u.a. multiple Sklerose und gewisse neurasthenische Erkrankungen ("Charcot's disease") diagnostiziert hatte -, wurde von einer eigentümlichen Bindung an sie, fast Ergebenheit für sie, ergriffen, und sie wurde seine Lieblingspatientin. Sie wirkte bei den Experimenten mit sich selbst mit. Charcot war bei ihrer Begegnung dreiundfünfzig Jahre alt. Er benutzte den Ausdruck "Experiment" und glaubte nicht, daß es ihre Fähigkeit zur theatralischen Gestaltung bestimmter wissenschaftlicher Probleme war, die ihn fesselte. Auf die Frauen, die er während der Experimente mit Hysterie vorführte, später u.a. Jane Avril, hatte er keine Lust verspürt. Er gibt nie zu, nicht vor der letzten Reise nach Morvan am Ende seines Lebens, daß er Lust auf Blanche verspürte; aber sie geht im Fragebuch davon aus, als sei es eine selbstverständliche Tatsache. [...] Charcot besaß die Kindlichkeit eines Entdeckungsreisenden und Forschers. Er bekannte sich zu den Idealen der Aufklärung, meinte aber, daß Erfinder, Untersucher, Physiker und Entdeckungsreisende jetzt neue und geheimnisvolle Landschaften erforschen sollten. Die Psyche der Frau war ein solcher Kontinent, nicht wesensverschieden von der des Mannes, aber gefährlicher. Die Frau war das Tor, schreibt er, durch das man in den dunklen Kontinent eindringen mußte. Dieser war reicher und rätselhafter als der des Mannes. Jane Avril findet sich auf vielen von Toulouse-Lautrecs besten Zeichnungen: dünn, tanzend, einmal mit abgewandtem Gesicht, doch manchmal, meistens, im Halbprofil sichtbar, wie eine, die viel gesehen, aber beschlossen hat, sich abzuwenden. Mit Blanche als Figurantin wurde der Eintritt in die Natur der Frau und des Menschen jeden Freitag - später Dienstag - um 15.00 Uhr vor einem speziell gelad ... Leseprobe